Johanna Strachwitz
„Südtirol leitet mich meist zu meinen Ideen, Großbritannien ist der Ort, an dem ich sie umsetze.“ Zwischen London und Lana liegen viele Kilometer, aber kaum Distanz. Für die Künstlerin Johanna Strachwitz, die hier aufgewachsen ist und heute in London lebt, bleibt Heimat weniger ein geografischer Ort als ein Resonanzraum: ein Licht, eine Linie, eine Erinnerung, die in ihrer Kunst nachhallt. Ihre erste Einzelausstellung We Go Where We Never Belonged verbindet Malerei, Skulptur und Film zu einem vielschichtigen Projekt über Körper, Zugehörigkeit und das Wiederfinden des eigenen Inneren. Dass der begleitende Kurzfilm größtenteils in Südtirol entstanden ist, wirkt folgerichtig: Für Johanna Strachwitz ist die Rückkehr nach Lana kein nostalgischer Blick zurück, sondern ein leises Weitergehen – im Rhythmus der Berge, im Geruch der Luft, in der Stille, die Raum schafft.
Deutschland, Südtirol und Großbritannien: drei sehr unterschiedliche Orte, Sprachen und Landschaften, zwischen denen du aufgewachsen bist. Wie spiegeln sich diese Erfahrungen in deiner künstlerischen Arbeit wider?
Durch das Aufwachsen an verschiedenen Orten ist die Welt für mich ein bisschen kleiner und dadurch antastbarer geworden, gleichzeitig gibt es aber keinen geografischen Ort, bei dem ich sagen kann, dass es mein Zuhause ist. Bis jetzt hat sich jeder Ort eher flüchtig und oft nicht ganz greifbar angefühlt, was im Bezug zu meiner Arbeit auch Sinn macht, wo ich mir viele Gedanken um Vergänglichkeit und Übergänge mache. Die vielen neuen Anfänge haben mir die Fähigkeit gegeben, in Situationen sehr anpassungsfähig zu sein. Durch meine Arbeit wiederum versuche ich oft das Gegenteil zu tun.

Um Sehnsucht, Entfremdung und intuitive Erinnerung geht es auch in deiner Ausstellung We Go Where We Never Belonged. Was bedeutet Zugehörigkeit für dich – als Mensch und Künstlerin?
Das Projekt ist während einer depressiven Episode entstanden, die mich letztes Jahr vier Monate lang begleitet hat. In dieser Zeit fühlte es sich an, als wären alle Stricke zu Familie und Freunden gekappt worden und ich würde im Nichts treiben – ohne Richtung, ohne zwischen oben und unten unterscheiden zu können. We Go Where We Never Belonged wurde so zu einem Prozess, mich wieder in meinem Körper zu sammeln und mich erneut mit meinem Leben verbunden zu fühlen. Gleichzeitig stellte sich die Frage, wie ich die automatische Zugehörigkeit des Frau-Seins, die so oft im Kontext des männlichen Blicks steht, ablehnen kann. Wenn Frau vor allem in Bezug zum männlichen Subjekt definiert wird, nimmt man ihr den Raum, mit sich selbst in Verbindung zu treten; wenig bleibt, um den eigenen Körper wirklich als den eigenen zu erleben. Ich hoffe, dass ich mich als Mensch in Zukunft immer zu jemandem oder etwas zugehörig fühlen werde – und dass die Leere des letzten Jahres nicht zurückkehrt. Meine künstlerische Praxis besteht darin, mich kritisch von dieser zugeschriebenen Zugehörigkeit zu distanzieren und einen Raum des Dazwischen zu schaffen: fernab des direkten männlichen Blicks, ein Raum, in dem der Körper zugleich Begrenzung und Auflösung ist – ein Ort der Vermischung, Fluidität und Durchlässigkeit.

„Die vielen neuen Anfänge haben mir die Fähigkeit gegeben, in Situationen sehr anpassungsfähig zu sein.“

Wie entsteht in deiner Arbeit der Übergang zwischen Körper und Objekt, Nähe und Distanz – vom Persönlichen zum Materiellen, vom Subjekt zur Skulptur?
Ich sehe den Körper im Gegensatz zum cartesianischen Geist-Körper-Dualismus nicht als passives Gefäß, sondern als einen aktiven dynamischen Ort gelebter Erfahrung. In meinem Projekt erkundige ich die körperlichen Erfahrungen und Wahrheiten meiner selbst, dadurch aber automatisch auch die der Menschen, die mir am nächsten sind. In dem Prozess der Selbsterforschung und dem Versuch der emotionalen Befreiung, spielte ich mit verschiedensten Materialien und Medien, wodurch sich mein Selbst erweitern konnte. Teile von mir, durch die ich sozial konditioniert war, nicht zu fühlen, nicht zu sagen, leben in meinen Arbeiten, aber auch in den Beziehungen weiter, die mir so viel wert sind. Die Spuren des abwesenden Körpers in meinen Arbeiten macht den Körper nicht statisch, nicht steuerbar und daher auch nicht konsumierbar.

Neben der Arbeit mit Malerei, Skulptur, Fotografie und Film bist du auch Set-Designerin in der Modewelt, die stark von Oberfläche und Inszenierung geprägt ist. Wie beeinflusst diese Erfahrung deine künstlerische Praxis?
Manchmal bin ich ganz froh, dass ich auch in einem Umfeld arbeiten kann, das etwas oberflächlicher ist, da meine Arbeit ziemlich tiefgreifend ist. Es ist emotional weniger belastbar! An seinen eigenen Gedanken und Projekten im Studio zu arbeiten ist zwar extrem erfüllend, kann aber auch einsam werden. Durch meine Assistenz am Set verbringe ich viel Zeit mit immer neuen und sehr interessanten Menschen. Mir gefällt die Mischung beider Welten. Am Set folge ich den Anweisungen anderer und kann somit meine eigenen Gedanken total abschalten, was mir sehr gut tut.

Du bist in Lana groß geworden. Gibt es Orte hier, die deinen Blick auf Kunst geprägt haben oder heute noch in deinen Arbeiten nachhallen?
Ich erinnere mich an eine spezifische Ausstellung im Kunsthaus Meran zur feministischen Avantgarde, mit Künstlerinnen wie Cindy Sherman, Marina Abramović
und Francesca Woodman. Ich hatte Kunst in dieser Form noch nie gesehen und war tief bewegt. Ab diesem Moment war mir eine ganz neue Welt und Inspiration gegeben. Der Ost West Club, die Beach Bar im Meteo in Meran und natürlich der Kränzelhof waren in meiner späten Jugend Orte, an denen ich mich sehr gefunden fühlte. In einem doch konservativen und manchmal engstirnigen Ort wie Südtirol war es schön, Institutionen zu haben, die Wert auf Offenheit, respektvollen Austausch und Kreativität legen. Diese Zeit – am Kränzelhof, im Meteo, im Ost West Club –
war verbunden mit sehr viel Chaos, was sich auf jeden Fall heute in meinen Arbeiten widerspiegelt.

„Wenn ich heute nach Südtirol zurückkomme, fühlt es sich meist so an, als könnte ich das erste Mal seit langem wieder ausatmen.“

Wenn du aus London nach Südtirol zurückkehrst: Was nimmst du hier mit einem Blick von außen anders wahr? Gibt es Elemente, die sich fast unbewusst in deine Arbeiten einschreiben?
Wenn ich heute nach Südtirol zurückkomme, fühlt es sich meist so an, als könnte ich das erste Mal seit langem wieder ausatmen. Die Weite der Berge, der meist knallblaue Himmel, die Luft, die sich nach Klarheit anfühlt – das alles wirkt
surreal und bereitet mir einen ganz besonderen Ort, um mich zurückzuziehen und Ruhe zu finden. Auf diese Weise gibt mir Südtirol sehr viel. Meine Ideen haben hier Platz, sich auszubreiten, so wie das in der Großstadt nicht geht. Ich glaube, dass Weite, dieses klare Licht und auch bestimmte Gerüche und Geräusche – Wasser, Wind, Kies unter den Füßen – sich unbewusst in meine Arbeiten einschreiben.
Dein Film zur Ausstellung ist größtenteils in Südtirol entstanden. Was hat dich dazu bewegt, die Kamera gerade hier anzusetzen? Und was offenbart dir die Region über dich selbst, das dir anderswo verborgen bleibt?
Teilweise, weil die Menschen, die vor der Kamera stehen, in Südtirol leben. Der andere Grund war, dass ich mich auch verloren hatte, also war es wichtig, durch den Prozess des Films – und das Wieder-zu-meiner-Familie-und-Freunden-
Finden – auch Südtirol in einem neuen Licht kennenzulernen und den Kreis so zu schließen. Die Region hält sehr viele Erinnerungen, schöne und schwierige. Mit der Kamera dort zu arbeiten, war eine Möglichkeit, diese Erinnerungen zu halten, zu verschieben und vielleicht auch zu heilen.

Zur Ausstellung ist die gleichnamige Publikation We Go Where We Never Belonged mit Fotografien beider Welten – der, aus der du kommst, und der, die du dir aufgebaut hast – erschienen. Inwiefern sind sie miteinander verbunden?
Für mich stehen Südtirol und London im genauen Gegensatz zueinander. Südtirol beziehungsweise die Sachen, die ich dort erlebe, leiten mich unerwarteterweise meist zu meinen Ideen und Projekten, London hingegen ist für mich ein Ort der Umsetzung. Beides ist hektisch auf seine Art und Weise. Südtirol repräsentiert gleichzeitig auch meine Vergangenheit und London meine Zukunft. Ich würde beides nicht missen wollen. Die Entscheidung, die meisten Szenen in Südtirol zu filmen, war eigentlich keine Entscheidung, sondern fast instinktiv. Auf der einen Seite ging es natürlich um die Menschen, die im Buch abgebildet sind, auf der anderen war es auch ein mir beweisen, dass ich zurückkommen kann, mich mit Erinnerungen des letzten Jahres konfrontieren kann und mich nicht sofort wieder verliere, sondern ich mich in mir gefunden habe.

„In meinen Augen ist Intimität und Verletzlichkeit etwas, das nicht machtlos macht, sondern Wege zur Neudefinition eröffnet.“


War der Inhalt für dich hilfreich?
Vielen Dank für Deine Rückmeldung!
Danke!
Lass deine Freunde daran teilhaben...
Teile Textpassagen oder ganze Stories und lass Deine Freunde wissen was dich begeistert!
Teilen